Ötzike

Hier veröffentlichen wir Berichte über das Zusammenleben mit alten und oder behinderten Hunden

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Ötzike

Beitragvon Inge » Fr Nov 13, 2009 11:27 am

Der nachfolgende Beitrag entstand aufgrund einer ganz anderen Fragestellung.
Sollte aber trotzdem auch ein Beitrag sein und Mut machen für alten und kranken Hund. :wink:

Vor etwa 4 Jahren hab ich mir ein neues Auto zugelegt. Ein dickes, fettes, wofür man sich eigentlich schämen müsste. Egal, ich war stolz wie Oskar, so eins hatte ich vorher nie.
Das Ding musste eingefahren werden, etwa 1.200 km. Ich fuhr damals höchstens 150 km in der Woche.
Dann kam ein Transport-Auftrag bei der CR. Zwei ungarische Cocker waren bei den Tierfreunden Niederbayern abzuholen. Arme Socken, in etwa wusste ich was über sie. Sie gingen in eine Gnadenstelle nach Siegen, meine Heimat.
Was sagte Map24: Siegen-Landshut-Siegen = 1.200 km
Nennen wir es Schicksal.

Ich also mit meinem Dicken losgebraust, Sylke kam zeitgleich aus Ungarn, hatte etwa 2 Stunden Verspätung.
Was soll's. Ich kam an, traute mich nicht hinter das Gartentörchen. Ein nettes Mädel kam dann und lies mich rein. Booah, ich dachte, es kommen Kühe auf mich zu. Riesige Doggen, lammfromm, aber arg gewöhnungsbedürftig. Das Haus war voll damit, auch andere Hunde waren noch da. Es hat mich total überwältigt, wie friedlich die alle miteinander waren.
Dann haben wir auf Sylke gewartet.
Ich bin schon 1,80 m, keine Ahnung um wieviel sie mich überragt hat.
In einer wunderbar-eindeutigen Art und Weise verteilte sie dann die Ungarn-Hunde auf die warteten Leute:
"Habt Ihr alle Leinen und Halsbänder mit ?" - "Dann ab, erstmal alle Gassi führen."

Hab dann meine Mini-Cockers genommen und bin nicht weit gekommen. Besonders die Ältere, Ötzike (=Rehlein), war sehr schwach, aber sie machte ein Häufchen. Sie war voller Krebs, die Geschwüre quollen ihr aus dem hinteren Körperteil, ein Elendsanblick, nur Haut und Knochen. Die zweite, Donca, laut Angaben noch älter und nur noch an einem warmen Ofenplatz interessiert, war recht quirlig. Bin dann Richtung Auto, Sylke kam auch nach um mir genaue Instruktionen wegen der Medikamente zu geben.
Sie hat sich schon gewundert, wie ich mir so den Transport vorgestellt hab. Für das Ofenhundchen dicke Felldecke im Beifahrerfussraum, für die krebskranke eine Decke auf dem Beifahrersitz, damit ich immer Kontakt mit ihr hatte. Gesagt hat Sylke dazu zu mir nix, später am Telefon hat sie wohl gemeint: die Frau ist taff.

Tja, die Rückfahrt war dann nicht mehr erfüllt von Stolz auf das Auto.
Donca, höchstens 4 oder 5 Jahre alt, sprang gleich auf die Rückbank, versuchte sich nach Ungarn zurückzubuddeln, gab irgendwann auf und rollte sich zum schlafen.
Ötzike, das Häufchen Elend, lag unten in der Felldecke und schien mehr tot als lebendig.
Es kam mir alles so unwirklich vor. Ich da mit meinem dicken Auto, das Hundchen kämpfte um sein Leben. Ich hatte vorher bei der CR dafür plädiert, diesen Hund in Ungarn zu erlösen, es gab eine Riesen-Diskussion, er sollte dann doch geholt werden. Im Auto hab ich nur noch geheult, vor Scham, dass ich dem Hund das antun muss. Erst die lange Fahrt aus Ungarn, dann noch 6 Stunden von Landshut nach Siegen. Einmal hab ich angehalten. Für Pippi und zum Trinken. Ötzike hat vorne getrunken, hinten lief es wieder raus, sie war völlig inkontinent. Blind war sie auch. Beide nahmen kleine Bröckchen, nicht viel, auch nur ganz zaghaft.
Hab mir damals geschworen, dass ich so etwas nie wieder mache. Nie wieder wollte ich mich Tierschützer nennen. Noch heute halte ich mich höchstens für einen Tierfreund.

In Siegen warteten dann schon die Leute von der Gnadenstelle. Zwei ganz junge Leute, die sich zum Ziel gesetzt hatten, nur alte Hunde zu nehmen und sie bis zum Ende zu pflegen. Das fand ich so bewundernswert, die zwei hatten nix, nur die Eltern konnten ab und an was zusteuern.
Für Ötzike hab ich eine Patenschaft übernommen. Donca war schnell Liebling der Eltern und blieb dort, die jungen Leute brauchten sich darum nicht mehr zu kümmern.
Drei Tage nach der Fahrt bin ich zu Ötzike, es war noch eine NK fällig. Sie war gewindelt, kaum bewegungsfähig, lag auf dem Sofa und schlief. Dringend hab ich noch einmal gebeten: Geht zum TA, lasst machen was möglich ist, aber quält sie nicht.
Rechnungen hab ich dann bekommen über Monate, gefragt hab ich nie, ich wollte nicht wissen, was die alles mit dem kleinen Kerlchen machen. Dann kam nichts mehr und ich dachte so oft: Hoffentlich hat sie es überstanden.
Fast zwei Jahre später rief mich das Herrchen an, ob ich nicht mal wissen wollte, was aus meinem Patenhund geworden sei.
Mit ganz gemischten Gefühlen bin ich hin, ich wollte mir nicht vorstellen, dass man das kleine Ding fast zwei Jahre gequält hat.

Leute, es kam mir ein fast stattlicher Cocker entgegen, Haare lackschwarz, zwar blinde, aber glänzende Augen, forderte mich im Garten zum Ballspielen auf.
Die OPs waren alles grosse OPs, man hatte sogar die Inkontinenz abstellen können. Der Hund konnte wieder fressen und vor allem: er konnte leben und er zeigte riesige Freude dran.
Meine Freude zeigte sich in einer Gänsehaut, die ich erst zuhause wieder im Griff hatte.
Ötzike hat noch fast ein Jahr glücklich gelebt, dann ist sie altersschwach in den Armen des Herrchens eingeschlafen.

Ohne Sylke hätte ich das alles nicht erleben dürfen.
Tierfreund nenne ich mich heute mit Stolz.
Tierschützer nie wieder.
Mittlerweile ist schon so viel Gras über viele Dinge gewachsen,
dass man keiner Wiese mehr trauen kann. (John Ment)


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Beitragvon Michaela » Fr Nov 13, 2009 11:50 am

was für ergreifende (traurige) Geschichten....ich freue mich immer wieder über die Gnadenplätze, die das den Hunden ermöglichen...Hut ab...
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Beitragvon Babs » Di Nov 17, 2009 15:42 pm

Ich habe gerade die schöne Geschichte mit Happy End gelesen.
Ich finde auch das jeder Hund noch eine Chance verdient hat,oft leben diese kranken und alten Hunde noch einmal richtig auf,sie genießen das Leben.
Noch nie habe ich bereut "so einen" Hund zunehmen,jedes Stückchen Liebe bekommt man tausendfach zurück !
Einen lieben Gruss von

Lucas und Barbara :D
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Beitragvon Britta » Di Nov 17, 2009 15:49 pm

Babs hat geschrieben:Ich habe gerade die schöne Geschichte mit Happy End gelesen.
Ich finde auch das jeder Hund noch eine Chance verdient hat,oft leben diese kranken und alten Hunde noch einmal richtig auf,sie genießen das Leben.
Noch nie habe ich bereut "so einen" Hund zunehmen,jedes Stückchen Liebe bekommt man tausendfach zurück !
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Leider gibt es solche Menschen wie dich nur sehr wenig! :cry:
Liebe Grüße
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Ich würde so gerne schweigen, aber mir fehlen immer die richtigen Worte!
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Beitragvon Lina » Mi Nov 18, 2009 0:45 am

Ich wär auch gerne so einer, aber neben Hundchen noch für Pferdchen. Es kommen viel zu viele Pferde zum Abdecker, wenn sie zu alt sind. :cry:
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Beitragvon Michaela » Do Nov 19, 2009 12:43 pm

Babs ich muß dir recht geben....die alten kranken geben es einen tausendfach zurück....ich habe es nie bereut meine missy zu nehmen...sie hatte ein wundervolles jahr bei uns ich bin stolz darauf an ihrer seite gewesen zu sein...ich würde es auch jederzeit wiedermachen....
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Beitragvon SG » Do Nov 19, 2009 12:45 pm

Babs hat geschrieben:Ich habe gerade die schöne Geschichte mit Happy End gelesen.
Ich finde auch das jeder Hund noch eine Chance verdient hat,oft leben diese kranken und alten Hunde noch einmal richtig auf,sie genießen das Leben.
Noch nie habe ich bereut "so einen" Hund zunehmen,jedes Stückchen Liebe bekommt man tausendfach zurück !
Einen lieben Gruss von

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Ohja.. hab ja Oldies und behinderte Tiere.
Und hab nie was vermisst. :)

Viele von euch haben auf dem letzten Treffen ja Nicki kennen gelernt - ein kleiner munterer aufgeweckter Flitzer. :)
LG Silvia, mit 16 pfotiger Rasselbande :)
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